Projekt
Die Idee zum Sorgentreff entwickelte sich aus einem schon bestehenden Internetprojekt und existiert
seit Januar 2003. Er ist ein internetbasiertes "Hilfe zur Selbsthilfe" - Projekt und bietet allen
Rat- und Hilfesuchenden jungen Menschen ein Forum, einen Chat, eine Adress-Datenbank von
Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Kliniken in ganz Deutschland, sowie viele nützliche
zielgruppengerechte Informationen und Links zur weiterführenden Beratung speziell für junge Menschen.
Die hauptsächliche Altersklasse der Nutzer liegt zwischen 15 und 25 Jahren. In diesem Alter ist der
Ablösungsprozess von den Eltern in vollem Gange. Damit scheiden die Eltern als Ansprechpartner oder
Gesprächspartner häufig aus. Das Klima an den Schulen ist rauher geworden und nicht jeder schafft
es sich in die Klassengemeinschaft zu integrieren. Schon allein aus diesen beiden Tatsachen ergeben
sich für die jungen Menschen Probleme, die sie mehr oder weniger stark belasten. Der Leistungsdruck
in der Schule, der angesichts der trüben Zukunftsperspektiven in Bezug auf Ausbildung und Beruf
relativ früh eintritt, ist eine zusätzliche Bürde, die auf ihren Schultern lastet. Daraus entsteht
oft ein Teufelskreis - Druck und Unverständnis im Elternhaus, Druck in der Schule -, der die
Motivation schwinden lässt. Durch Schule schwänzen verlieren sie die Klassengemeinschaft, die
Probleme werden immer größer und der Kreis der Freunde, mit denen sie darüber reden könnten, immer
kleiner. Schule schwänzen und die mangelnde Motivation dieser Altersgruppe ist ein immer größer
werdendes Problem in unserer Gesellschaft.
Wer im sorgentreff e.V. ankommt, hat sich oftmals schon selbst Gedanken über seine Situation gemacht.
Hilfreich ist es, auf andere Menschen zu treffen, die ähnliches erlebt haben und auf ihrem Weg schon
ein oder mehrere Schritte vorangekommen sind. Wichtig ist aber zunächst, dass er mit seinem Problem
ernst genommen und verstanden wird.
Im Laufe des Bestehens des sorgentreff e.V. haben sich immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene
mit weit schwerwiegenderen Problemen, wie selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, sexuellem
Missbrauch, körperlicher und seelischer Gewalt, allein gelassen gefühlt und dadurch den Weg in
den sorgentreff e.V. gefunden.
So entwickelte sich der Sorgentreff e.V. schnell zu einer Austausch- und Kontaktstelle für
Jugendliche und junge Erwachsene aus Gesamtdeutschland, Österreich und der Schweiz, die mit weitaus
schwerwiegenderen Problemen Hilfe suchten. Selbstverletzendes Verhalten (SVV), Depressionen und
Suizidgedanken haben 95% der inzwischen über 350 im Chat und über 400 im Forum registrierten User,
80% leiden unter Essstörungen und 70% (!!) der User berichten von sexuellem Missbrauch innerhalb
der Familie.
Viele der oben genannten Probleme mögen hier ihre Ursache finden, wobei der Konsum von Drogen
erstaunlicher Weise einen sehr geringen Prozentsatz ausmacht (ca. 2%). Mindestens 50% der User
erleiden körperliche Gewalt innerhalb der Familie.
Der Sorgentreff hat sich also innerhalb kürzester Zeit von einer ursprünglich angedachten Kontakt-
und Austauschstelle zu einer Anlauf- und Beratungsstelle für viele junge Menschen entwickelt,
die sich trotz der schwerwiegenden Probleme, oder gerade deshalb, vor der Inanspruchnahme
professioneller Hilfe scheuen. Hier spielt auch die gewährleistete Anonymität, die das Internet
bietet, eine große Rolle.
Laut einer Studie des statistischen Bundesamtes (veröffentlicht im Feb. 2003) nutzen 77% der 16-24
jährigen das Internet, eine Studie des Axel-Springer-Verlages und T-Online von Oktober 2003 besagt,
dass bereits jeder zweite deutsche Haushalt über einen Internetzugang verfügt.
Hier ist zu erwähnen, dass viele User weiterhin in der familiären Umgebung wohnhaft sind 68% und
sich der Möglichkeiten, dies zu ändern, zum einen nicht bewusst sind und oftmals auch der benötigte
Mut, eine Änderung herbeizuführen, erst durch die im Sorgentreff entstandenen Kontakte zu anderen
Betroffenen und den Teammitgliedern gewonnen wird. Durch die Einbeziehung anderer User in die
Gespräche, durch die lösungsorientierten Ratschläge bei altersüblichen Problemen aus eigener
Erfahrung können so untereinander weiter gegeben werden. Diese, wie auch junge Menschen mit
schwerwiegenderen Problemen finden im Sorgentreff e.V. Gesprächspartner, die ihnen Mut machen,
fachliche Beratung in Anspruch zu nehmen oder sie erhalten hilfreiche Hinweise wie sie akute
Krisensituationen bewältigen können. Wir haben eine große Anzahl an Stammusern, die seit Beginn
des Sorgentreffs dabei sind aber auch User die im Laufe der Zeit dazu gekommen und dageblieben
sind, die sich sowohl im Forum als auch im Chat wertschätzend anderen und neuen Usern gegenüber
einbringen.
Die Aufgaben des Teams sind zuzuhören, nachzufragen, zu unterstützen und Mut zu machen sich
gegebenenfalls im realen Leben die Hilfe zu holen, die jeder Einzelne für sich braucht. Hier kann
der Sorgentreff nachhaltige Veränderungen für den Einzelnen bewirken.
Weiterhin bietet der Sorgentreff sowohl reguläre Austauschmöglichkeiten und wöchentlich wechselnde
Themenchats, die sich mit Familie, Liebeskummer, Selbstverletzendem Verhalten etc. befassen, Chat
mit Eltern Jugendlicher, in denen ein guter Austausch zwischen den Generationen ermöglicht wird,
als auch Verknüpfungen zu anderen relevanten Internetseiten und nützlichen Adressen.
Die Idee des Sorgentreffs ist nicht neu und es sind ähnliche Projekte im Internet anzufinden. Der
Sorgentreff unterscheidet sich jedoch zum einen durch die zielgruppengerechten Informationen,
aber viel entscheidender durch den Ansatz und die Zielsetzung.
Es ist vielen Usern durch den Sorgentreff gelungen, ihr Bedürfnis nach Anonymität aufzugeben,
wodurch viele Freundschaften entstanden sind und das jeweilige Problem öffentlich gemacht werden
konnte, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verarbeitung und Bewältigung von oft traumatischen
Erlebnissen. Innerhalb dieser entstandenen Freundschaften entwickeln sich oft Situationen in denen
sich User gegenseitig beim ersten Besuch eines Therapeuten oder einer Beratungsstelle unterstützen,
indem sie sich, soweit geografisch möglich, zusammentun oder einer den anderen begleitet.
Der Sorgentreff selbst unterstützt diesen Aspekt des Öffentlich-Machens von Problemen durch
regelmäßige Chattertreffen, zu denen User aus Gesamtdeutschland anreisen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Sorgentreffs im Vergleich zu ähnlichen Projekten ist, dass er
sich ganz deutlich als Hilfe zur Selbsthilfe sieht, bei den Betroffenen vor allem den Willen zur
Selbstverantwortung und damit zur Fähigkeit des Agierens erwecken und die einzelnen Personen
dahingehend unterstützen möchte, aus ihrer Opferrolle zu treten und den Schritt in ein - so weit wie
im Einzelfall möglich - normales Leben zu wagen.
Hier sei auch erwähnt, dass viele User geäußert haben, dass sie erstmal nur im Sorgentreff den
Mut aufbringen, bestimmte Themen und Erlebnisse anzusprechen, weil sie sich "sicher und verstanden"
fühlen und durch das Erleben dieser Sicherheit die Kraft schöpfen, sich auch vor Ort Hilfe und
Unterstützung zu holen.
Aufgrund der Anonymität ist es schwierig, genau Statistik zu führen, welcher Besucher des
sorgentreff e.V. etwas für sich mitnehmen oder Ratschläge umsetzen konnte. Wegen des familiären und
persönlichen Charakters gibt es jedoch nicht wenige User, die uns Rückmeldungen geben, die uns
weiterhin berichten wie es ihnen geht und viele bleiben auch um anderen das zu geben, was sie
selber erhalten haben. Aus diesem Grund wissen wir, dass wir vielen Mut gegeben haben, sich den
Eltern, einem Angehörigen oder einem Vertrauenslehrer anzuvertrauen. Sie haben Beratungsstellen
aufgesucht und je nach Schwere des Problems eine Therapie oder eine stationäre Behandlung begonnen.
Das sind für uns große Erfolge. Wir können nicht die Probleme unserer Nutzer lösen. Wir wollen ihnen jedoch Mut machen, selbst den Weg für sich zu finden und diesen dann auch zu gehen.
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